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Schweizer Debatte zur Auswirkung des Impfstatus im Triage-Verfahren

medstra-News 63/2021 vom 16.9.2021

Die Debatte über Triage-Entscheidungen bei schwer erkrankten Covid-19 Patienten hat in der Schweiz angesichts der vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) offiziell verkündeten vierten Corona-Welle eine neue Tragweite erreicht.

Nachdem die Auflagen bereits zu Beginn dieses Jahres in der Schweiz gelockert wurden, steigt die Zahl der Neuinfektionen rasant an. Am 8. September wurde die Inzidenz bereits mit rund 220 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner angegeben. Dabei liegt die Impf-Quote in der Schweiz bei 51 Prozent. Die schweizerische Zeitung „Blick“ berichtete erst kürzlich, dass sich Kliniken wieder am Rande ihrer Belastungsgrenzen befänden. 80,3 Prozent der Intensivstation seien bereits ausgelastet und überwiegend von ungeimpften Covid-19-Patienten belegt, so Mathys, Leiter des Bereichs Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG. Laut Stephan Jakob, Chef der Intensivmedizin am Berner Inselspital, sei eine Auslastung ab 75 Prozent besorgniserregend. Einige schwer erkrankte Patienten mussten bereits auf Intensivstationen anderer Krankenhäuser verlegt werden. Auch der Schweizer Bundesrat warnte am 3. September vor einer drohenden Überlastung des Gesundheitssystems.

Angesichts der im europäischen Vergleich geringen Impf-Quote und der weiterhin mangelnden Impfbereitschaft der Schweizer wird nun debattiert, inwieweit bei etwaig notwendigen Triage-Verfahren der Impfstatuts der betroffenen Patienten ein Kriterium sein sollte. Der Impfverantwortliche des Berner Kantons Gregor Kaczala gab an, dass nicht nur Alter und Gebrechlichkeit die einschlägigen Kriterien sein können, da die betroffenen Patienten nun bedeutend jünger, zwischen 20 bis 50 Jahren, alt seien. Er plädierte dafür auch den Impfstatus zu berücksichtigen. Ungeimpfte hätten eine deutlich geringere Überlebenschance und somit eine deutlich schwächere Ausgangslage für eine Triage-Entscheidung zu ihren Gunsten. Der Berner Gesundheitsdirektor Alain Schnegg hält diese Überlegung auch mit den Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zur Patienten-Triage vereinbar. Nach diesem Leitfaden erhielten Ärzte die Empfehlung, „zuerst jene zu behandeln, die die besten Chancen haben zu überleben. Das dürften eher die Geimpften sein“, so Schnegg. Der Vizepräsident der SAMW Daniel Scheidegger hingegen relativiert diese Aussage. Vorderstes Kriterium seien die Überlebenschancen der betroffenen Patienten. Der im Notfall auch oftmals kaum zeitnah auszumachende Impfstatus müsste im Einzelfall bei der Bewertung der Überlebenschance einen Unterschied machen, damit er Einfluss auf die Triage-Entscheidung nehmen könnte. Den Impfstatus selbst als maßgebendes Kriterium für das Verfahren anzusehen, sei hingegen laut SAMW-Richtlinien nicht möglich.

Auf wissenschaftlicher Ebene formiert sich ebenfalls Widerstand. Die Medizin-Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle erkennt in der Aufnahme des neuen Kriteriums, einen „hoch problematische[n] Paradigmenwechsel“, der die Krankheit als Schuld qualifizieren würde. Menschen würden anderenfalls allein aufgrund einer Impfung als mehr oder weniger lebenswert behandelt werden. Dies widerspreche der schweizerischen humanitären Tradition. Zudem werde das gesellschaftliche Zusammenleben deutlich verschlechtert. Auch der Leiter der Klinischen Ethik am Universitätsspital Basel, Manuel Trachsel, führt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ an, dass persönliche Hintergründe eines Patienten kein Kriterium seiner Behandlung sein dürften.

Schnegg hingegen erkennt eine klare Eigenverantwortung bei Personen, die sich ungeimpft einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit einer Infektion und dann notwendigen intensivmedizinischen Behandlung aussetzen. Laut dem Berner Gesundheitsdirektor werden bereits unter der derzeitigen Pandemielage regelmäßig Triage-Entscheidungen vorgenommen, indem notwendige Operationen verschoben werden, um ungeimpften Covid-Patienten ein Intensivbett zu ermöglichen.


Verlag C.F. Müller

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